Als The Alan Parsons Project 1979 ihr viertes Studioalbum Eve veröffentlichte, trafen sie erneut den Nerv der Zeit – allerdings auf eine subtilere, komplexere Art als mit den bombastischen Vorgängern. Eve ist ein Konzeptalbum über Frauen: ihre Stärke, ihre Herausforderungen, ihre gesellschaftliche Rolle und den oft unterschwelligen Sexismus, der sie umgibt.
Das Album wurde oft übersehen, steht aber heute als faszinierendes Werk, das sowohl musikalisch als auch thematisch mehr Tiefe besitzt, als viele ihm damals zutrauten.
Die Entstehungsgeschichte: Ein Konzept, das anders begann
Ursprünglich sollte Eve ein Album über „böse Frauen“ werden – eine Idee, die Eric Woolfson relativ schnell als unpassend und klischeehaft verwarf. Stattdessen entstand ein Projekt, das Frauen nicht als Stereotype darstellt, sondern die Vorurteile und Herausforderungen beleuchtet, mit denen sie konfrontiert sind.
In den späten 70ern, mitten im Fahrwasser der zweiten Frauenbewegung, war diese Perspektive ungewöhnlich progressiv. Das Album ist daher nicht nur ein musikalisches Experiment, sondern auch ein Statement – subtil, nachdenklich und überraschend modern.
Die Produktion: Perfektionismus trifft Konzeptkunst
Wie immer beim Alan Parsons Project spielte die Produktion eine zentrale Rolle.
Alan Parsons war bereits zuvor als Tontechniker und Produzent eine Legende – unter anderem durch seine Arbeit an Pink Floyd – The Dark Side of the Moon.
Bei Eve setzte er erneut auf:
- kristallklare Arrangements
- sorgfältige Layering-Techniken
- eine Mischung aus orchestralen Elementen und Art-Rock-Instrumentierung
- hochwertige Studiotechnik in den berühmten Abbey Road Studios
Die Produktion ist typisch für Parsons: präzise, detailverliebt und gleichzeitig warm und atmosphärisch.
Ein bemerkenswerter Aspekt: Auf Eve treten erstmals weibliche Sängerinnen stärker in den Vordergrund – ein bewusstes stilistisches Mittel, um die weibliche Perspektive authentisch zu transportieren.
Das Konzept: Frauen im Fokus – aber nicht als Klischee
Eve beschäftigt sich mit Themen wie:
- gesellschaftlicher Erwartungsdruck
- Diskriminierung
- Selbstbestimmung
- weibliche Stärke
- toxische Beziehungen
- Konkurrenz und Vorurteile
Die Songtexte sind oft doppeldeutig und laden zum Interpretieren ein. Man merkt klar: Eric Woolfson wollte keine Parolen, sondern nachdenkliche Reflexion – eingebettet in eingängige Art-Rock-Arrangements.
Wichtige Songs des Albums
„Lucifer“
Der instrumentale Opener zählt zu den bekanntesten Stücken des Projekts. Elektronische Elemente, treibende Rhythmen und eine bedrohlich anmutende Atmosphäre setzen den Ton für das Album. Der Titel kann als Metapher für äußere Versuchungen oder gesellschaftliche „Dämonen“ gelesen werden.
„You Lie Down with Dogs“
Ein scharf formulierter Song über Frauen, die manipuliert oder benutzt werden – und über Männern, die Verantwortung scheuen. Der Text ist bissig und ungewöhnlich direkt für das Alan Parsons Project.
„I’d Rather Be a Man“
Dieser Titel thematisiert die Schwierigkeiten, als Frau ernst genommen zu werden – besonders stark in den 70ern, aber erstaunlich zeitlos. Musikalisch ist er rockiger, treibender und gehört zu den kraftvolleren Tracks des Albums.
„Damned If I Do“
Einer der bekanntesten Songs, der später auch als Single erfolgreich wurde. Er thematisiert eine Beziehung voller Widersprüche und Ambivalenzen. Melodisch stark und typisch für die radiofreundliche Seite des Projekts.
„If I Could Change Your Mind“
Die berührende Ballade im Finale wird von Chris Rainbow gesungen und strahlt Wärme und Eleganz aus. Ein sanfter, emotionaler Abschluss eines thematisch anspruchsvollen Albums.
Das Cover: Kunst, Anspruch und Kontroverse
Das Cover zeigt Frauen in Schleiern – ein Bild, das sowohl für Geheimnisse, Unsichtbarkeit und gesellschaftliche Maskierung steht. Das Foto wirkte 1979 provokant und geheimnisvoll und passt perfekt zum Albumkonzept.
Wie bei vielen Alan-Parsons-Projekten ist das Artwork eng mit der thematischen Idee verknüpft – es macht sichtbar, worum es lyrisch und musikalisch geht.
Wie das Album aufgenommen wurde – damals und heute
Bei seiner Veröffentlichung war Eve nicht so kommerziell erfolgreich wie I Robot oder Pyramid, erzielte aber solide Chartplatzierungen in Europa und den USA.
Kritiker waren gespalten: Einige lobten die Produktion und das Konzept, andere fanden das Album im Vergleich zu früheren Werken weniger zugänglich.
Aus heutiger Sicht sehen viele Musikfans Eve jedoch als unterschätztes, mutiges Konzeptalbum, das wichtige Themen verhandelt und musikalisch ein spannender Schritt in Richtung melodischer, radiotauglicher Hits war – ein Vorbote dessen, was 1982 mit Eye in the Sky folgen sollte.
Fazit: Ein besonderes Kapitel im Werk des Alan Parsons Project
Eve ist vielleicht nicht das lauteste oder berühmteste Album des Alan Parsons Project – aber eines der interessantesten. Es ist thematisch anspruchsvoll, musikalisch vielseitig und außergewöhnlich sorgfältig produziert.
Es zeigt Parsons und Woolfson auf einem Weg zwischen Art-Rock, Pop und gesellschaftlicher Reflexion – ein Album, das seiner Zeit voraus war und heute als kultiges Puzzlestück im Gesamtwerk des Duos gilt.
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