Als Peter Gabriel 1986 sein fünftes Studioalbum So veröffentlichte, befand er sich längst im Ruf eines innovativen, oft experimentellen Künstlers. Doch So wurde zum Album, das ihn endgültig in die erste Liga des internationalen Pop katapultierte. Es war nicht nur ein kommerzieller Triumph, sondern auch ein künstlerisches Statement: zugänglich, emotional, modern – und dabei dennoch typisch Gabriel.
So ist eines der bedeutendsten Alben der 80er-Jahre und prägte die Ästhetik eines ganzen Jahrzehnts. Es verband Weltmusik, Popstrukturen, Art-Rock und avantgardistische Elemente zu einem Werk, das bis heute nichts von seiner Kraft verloren hat.
Die Entstehung: Ein Schaffensprozess voller Reife und Neugier
Nach seinen experimentelleren Vorgängerwerken (Peter Gabriel III und Peter Gabriel IV) suchte Gabriel Mitte der 80er nach einer neuen musikalischen Sprache. Er war inzwischen ein etablierter Künstler, arbeitete an Filmprojekten und Soundtracks und experimentierte intensiv mit elektronischen Klängen, Weltmusik und neuen technologischen Möglichkeiten.
Für So entschied er sich jedoch bewusst für eine zugänglichere, songorientierte Ausrichtung. Dies war der Wendepunkt: Gabriel öffnete seine Musik für breitere Hörerschichten, ohne seine künstlerische Identität zu verlieren.
Die Entstehung des Albums war geprägt von:
- langen Studioexperimenten in Ashcombe House
- Gabriels Arbeit mit neuen Sampling-Technologien
- einer fruchtbaren Zusammenarbeit mit Topmusikern wie Tony Levin, Manu Katché und Stewart Copeland
- der Vision, ein Album zu schaffen, das Pop und Kunst vereint
Besonders wichtig war die Kooperation mit Co-Produzent Daniel Lanois, der später auch eng mit U2 arbeiten sollte. Lanois gab dem Album Wärme, Atmosphäre und eine klare Struktur.
Der Durchbruch-Hit: „Sledgehammer“
Der größte Hit des Albums – und einer der ikonischsten Songs der 80er – war „Sledgehammer“.
Musikalisch verbindet der Song:
- Soul und R&B-Einflüsse
- funkige Bläserarrangements
- digitale Produktionsästhetik
- Gabriels markante, ausdrucksstarke Stimme
Doch weltberühmt wurde „Sledgehammer“ vor allem durch sein revolutionäres Musikvideo, das mit Stop-Motion-Technik, Knetanimationen und surrealen Bildfolgen neue Maßstäbe setzte. MTV spielte das Video rauf und runter – es ist bis heute eines der am häufigsten ausgezeichneten Musikvideos aller Zeiten.
“In Your Eyes” – Eine der schönsten Love-Balladen des Jahrzehnts
Eines der emotionalsten Stücke des Albums ist „In Your Eyes“, eine zeitlose Ballade, die durch Gabriels introspektive Texte und Youssou N’Dours Gesang im Finale eine besondere Tiefe erhält.
Der Song gewann durch seine Verwendung im Film Say Anything (1989) endgültig Kultstatus. Die berühmte Szene, in der John Cusack mit einem Ghettoblaster vor dem Fenster steht, machte „In Your Eyes“ zum romantischen Symbol einer Generation.
“Don’t Give Up” – Ein bewegender Duett-Klassiker
Mit „Don’t Give Up“ schuf Gabriel ein eindringliches Duett über Verzweiflung, Identität und Hoffnung. Ursprünglich wollte er Dolly Parton für die weibliche Rolle gewinnen – letztlich sang Kate Bush den Part, was dem Song eine unverwechselbare emotionale Qualität verlieh.
Der Titel reflektiert Arbeitslosigkeit, Isolation und den Verlust des Selbstvertrauens – Themen, die zur damaligen Zeit besonders in Großbritannien präsent waren. Die warme, tröstende Stimme von Kate Bush bildet den Gegenpol zu Gabriels resigniertem Ton.
“Red Rain” – Ein kraftvoller Auftakt
Der Albumopener „Red Rain“ setzt sofort den Ton: große Emotionen, dichte Produktion, starke Rhythmen und ein vielschichtiges Klangbild. Das Stück basiert auf einem Traum Gabriels und beeindruckt durch seine Intensität und sein treibendes Schlagzeugspiel, vor allem von Stewart Copeland (The Police).
Weitere Höhepunkte des Albums
„Big Time“
Ein satirischer Blick auf Ruhm, Materialismus und Selbstüberschätzung – verpackt in energischen Pop-Funk. Der Song erreichte hohe Chartplatzierungen und gehört zu den eingängigsten Nummern des Albums.
„Mercy Street“
Ein poetisches, atmosphärisches Stück, inspiriert vom Leben der amerikanischen Dichterin Anne Sexton. Es zeigt Gabriels introspektive, künstlerische Seite und zählt zu den Lieblingssongs vieler Fans.
„We Do What We’re Told“
Ein hypnotischer, minimalistischer Track, der von Stanley Milgrams Gehorsamkeitsexperimenten inspiriert ist. Eine düstere, gesellschaftskritische Reflexion, die den Arthouse-Charakter des Albums unterstreicht.
Der Sound: Eine perfekte Mischung aus Weltmusik, Elektronik und Pop
So ist ein Musterbeispiel für die Produktionskunst der 80er. Typische Elemente:
- warme Synthesizerflächen
- hochwertige Live-Instrumentierung
- komplexe Percussion-Elemente
- Einflüsse afrikanischer, arabischer und amerikanischer Musik
- intuitive, emotionale Gesangsinterpretationen
Gabriel war einer der ersten Popkünstler, der Sampling und Weltmusik auf so niveauvolle Weise integrierte – ohne klischeehaft oder trendgetrieben zu wirken.
Der Erfolg: Ein globales Phänomen
So wurde Gabriels kommerziell erfolgreichstes Album. Es erreichte:
- Top-10-Platzierungen weltweit
- Millionenverkäufe
- mehrere Grammy-Nominierungen
- MTV Music Awards für „Sledgehammer“
- eine grandiose This Way Up-Tour
Für viele Hörer war So der Einstieg in Gabriels Werk – für andere der Beweis, dass ernsthafte Kunst und Popmusik sich nicht ausschließen.
Warum dieses Album bis heute so bedeutend ist
Mehrere Gründe machen So zu einem zeitlosen Klassiker:
- Es verband Pop und Kunst auf einem selten erreichten Niveau.
- Es brachte innovative Produktionsmethoden in den Mainstream.
- Es enthält mehrere der größten Songs der 80er.
- Es zeigte Peter Gabriel von seiner zugänglichsten, aber immer noch tiefgründigen Seite.
- Es beeinflusst bis heute Künstler aus Pop, Rock und elektronischer Musik.
So ist ein Album, das immer wieder neu entdeckt werden kann – reich an Emotionen, Ideen und musikalischer Vision.
Fazit: Ein Pop-Meisterwerk mit künstlerischer Seele
Mit So schuf Peter Gabriel ein Album, das gleichzeitig zugänglich und anspruchsvoll ist – ein Werk, das die 80er definierte und dennoch zeitlos bleibt. Es ist emotional, politisch, poetisch und technisch brillant produziert. Das Album verkörpert die kreative Kraft eines Jahrzehnts, das Innovation und Popkultur auf einzigartige Weise verband.
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