
»Actually« von den Pet Shop Boys erschien 1987 und verwandelte elegante Oberflächen in bitterernste Gesellschaftskritik – ein Album, das klingt wie ein Cocktailabend, aber denkt wie ein Roman.
Albumdaten
| Künstler | Pet Shop Boys |
| Titel | Actually |
| Label | Parlophone |
| Erschienen | 7. September 1987 |
| Produzenten | Tennant, Lowe, J.J. Jeczalik |
Es gibt Alben, die klingen, als hätten sie immer schon existiert. »Actually« von den Pet Shop Boys ist so eines. Wenn Neil Tennants Stimme über dem ersten Synth-Akkord von »One More Chance« einsetzt, hat man sofort das Gefühl, mitten in eine Welt einzutauchen, die präzise entworfen wurde – kühle Neonlichter, ein Londoner Nachtclub, der Geruch von Zigarettenrauch und teuerem Parfum. Und doch ist da, kaum unter der polierten Oberfläche, eine Melancholie, die nicht loslässt.
Das zweite Studioalbum des Duos Neil Tennant und Chris Lowe erschien am 7. September 1987 und markierte eine Zäsur – nicht nur in der Karriere der beiden Männer aus London, sondern in der Geschichte des britischen Synthpop überhaupt. Es war das Album, mit dem die Pet Shop Boys aufhörten, Versprechen zu machen, und anfingen, sie einzulösen.
Entstehung: London, 1986/87
Die Entstehungsgeschichte von »Actually« beginnt eigentlich mit einem Triumph: »West End Girls«, 1986 auf dem Debütalbum »Please« erschienen und zum Nummer-eins-Hit in Großbritannien und den USA avanciert. Tennant und Lowe standen plötzlich unter Druck, den Erfolg zu wiederholen. Ihr Produzent für »Please«, Stephen Hague, schied aus, und das Duo suchte nach einer neuen Klangsprache. Sie fanden sie – oder richtiger: sie erfanden sie – in Zusammenarbeit mit J.J. Jeczalik von der Avantgarde-Gruppe Art of Noise.
Die Aufnahmesessions fanden überwiegend in London statt, in den RAK Studios in St John’s Wood. Tennant hat in Interviews mehrfach beschrieben, wie bewusst die beiden Musiker dabei vorgingen: »Wir wollten kein Album machen, das nach unserem letzten Album klingt. Wir wollten etwas, das gleichzeitig intelligenter und zugänglicher ist.« Ein paradox klingendes Ziel – das auf »Actually« tatsächlich aufgeht.
Der Entstehungszeitraum war von einem besonderen gesellschaftlichen Klima geprägt. Margaret Thatchers Großbritannien der späten achtziger Jahre: eine Gesellschaft im Umbau, die Reichen reicher, die Armen unsichtbarer, und mittendrin eine Subkultur, die mit AIDS kämpfte und gleichzeitig aus dem öffentlichen Diskurs gedrängt wurde. Tennant, der damals noch nicht offen über seine Homosexualität sprach, schrieb Texte, die auf mehreren Ebenen gelesen werden konnten – als Liebeslieder, als politische Kommentare, als autobiographische Fragmente. Diese Vieldeutigkeit ist bis heute das eigentliche Geheimnis des Albums.
»It’s a Sin« war nicht nur ein Bekenntnis. Es war eine Abrechnung – mit Schuld, Erziehung, und dem Gewissen einer ganzen Generation.
Die Songs: Zehn Miniaturen einer Epoche
Trackliste — Actually (1987)
| 1 | One More Chance | Album-Opener, kühler Funk |
| 2 | What Have I Done to Deserve This? | feat. Dusty Springfield |
| 3 | Shopping | Thatcher-Kritik als Dancefloor-Hit |
| 4 | Rent | Innigste Ballade des Albums |
| 5 | Hit Music | |
| 6 | It Couldn’t Happen Here | cineastisch, dramatisch |
| 7 | It’s a Sin | Nr. 1 in UK, fünf Wochen |
| 8 | I Want to Wake Up | |
| 9 | Heart | Nr. 1 in UK |
| 10 | King’s Cross | apokalyptischer Closer |
Das Herzstück des Albums ist und bleibt »It’s a Sin«. Der Song, der im Jahr seines Erscheinens fünf Wochen auf Platz eins der britischen Charts verblieb, ist pure Ironie: Was für die einen Sünde ist, ist für die anderen schlicht Leben. Tennants Stimme – trocken, leicht gelangweilt, unendlich präzise – singt einen Text wie einen Atem von Jahrzehnten aus: Schule, Kirche, Gewissen, Begehren. Das Arrangement, mit seinen gregorianischen Anleihen und der kompromisslosen Synthesizer-Wand, klingt wie eine schwarze Messe, die im West End aufgeführt wird.
Direkt daneben steht »What Have I Done to Deserve This?«, das Duett mit Dusty Springfield – einer der glücklichsten Zufälle der britischen Musikgeschichte. Springfield, deren Karriere in den siebziger Jahren ins Stocken geraten war, wurde hier in einer Weise rehabilitiert, die sowohl ihr als auch den Pet Shop Boys gut stand. Ihr zerbrechliches Timbre gegen Tennants distanzierte Gleichgültigkeit: ein Dialog zweier Menschen, die aneinander vorbeilieben, vertont in einem Pop-Gewand so elegant, dass man fast vergisst, wie traurig der Song eigentlich ist.
»Rent« hingegen ist das stille Zentrum des Albums. Ein Lied über eine Beziehung, in der einer zahlt – nicht nur mit Geld. Tennant singt aus der Perspektive dessen, der kauft und weiß, dass er kauft, und trotzdem bleibt. Die Ambiguität ist vollständig: Wer ist hier der Ausgenutzte? Wer der Verzweifelte? Das Arrangement ist karg, fast kammermusikalisch im Vergleich zu den Dancefloor-Produktionen ringsum. Es ist der Moment, in dem das Album atmet.
»King’s Cross« endet das Album wie ein Vorhang, der fällt – über eine Stadt, über eine Ära, über eine Generation, die das nächste Morgen nicht für selbstverständlich hält.
Den Abschluss bildet »King’s Cross« – benannt nach dem Londoner Bahnhof, der im November 1987, also kurz nach Veröffentlichung des Albums, Schauplatz einer der schlimmsten Brandkatastrophen der britischen Nachkriegsgeschichte werden sollte. Tennant hatte den Text geschrieben, bevor das Unglück passierte; der Song, der von gesellschaftlichem Verfall, Obdachlosigkeit und dem Ende einer Ära handelt, erhielt dadurch eine prophetische Note, die die Pet Shop Boys selbst nie so gemeint hatten.
Kritik und Rezeption
Die Kritiken bei Erscheinen waren durchweg enthusiastisch, auch wenn manche Rezensenten den intellektuellen Anspruch der Texte zunächst nicht ernst nehmen wollten. Der NME lobte das Album als »das erste wirklich erwachsene Synthpop-Album«; der Melody Maker sprach von »klinischer Eleganz«. Was fehlte, war die Bereitschaft, Tennant und Lowe als das zu lesen, was sie waren: Chronisten ihrer Zeit. Erst im Rückblick setzte sich die Erkenntnis durch, dass »Actually« kein reines Pop-Album war, sondern ein Dokument.
»Shopping«, auf den ersten Blick ein nüchterner Funk-Track, ist ein direkter Angriff auf den Thatcherismus – auf Privatisierung, auf die Reduktion des Lebens auf Konsum. Die Zeile »We’re buying and selling your history« klingt heute, im Zeitalter des Daten-Kapitalismus, erschreckend aktuell. Ebenso ist »It Couldn’t Happen Here«, mit seinem cinematischen Arrangement und seiner schwebenden Melancholie, eine Absage an britischen Selbstbetrug – die Überzeugung, dass das Schlimmste immer anderswo passiert.
Einfluss und Vermächtnis
»Actually« ist eines jener seltenen Alben, die zur Zeit sprechen, ohne je von ihr abhängig zu werden.
Der Einfluss von »Actually« lässt sich schwer überschätzen. Ohne dieses Album gäbe es kein Pulp, das »Common People« schreibt. Keinen Jake Shears von den Scissor Sisters, der offen über Queerness in Popsongs nachdenkt. Keinen Brandon Flowers, der den amerikanischen Synthpop britisch dekliniert. Das Erbe ist nicht nur musikalisch; es ist eine Haltung: Distanz als Mittel der Aufrichtigkeit, Eleganz als Form von Widerstand.
Die Pet Shop Boys haben seitdem Dutzende weiterer Alben veröffentlicht, einige davon herausragend. Aber »Actually« hat eine Qualität, die nur wenige Werke besitzen: Es altert nicht. Es klingt 1987, und es klingt heute – und beides zugleich. Das liegt vielleicht daran, dass die Fragen, die Tennant stellt, keine haben, die man endgültig beantworten kann. Was haben wir verdient? Was schulden wir einander? Wie viel von uns verkaufen wir, und an wen?
Das Album endet, die Nadel läuft in der letzten Rille, und man sitzt still. Actually.
Zeitlosigkeit: ★★★★★
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