Als Nik Kershaw 1984 sein Debütalbum Human Racing veröffentlichte, war er ein relativer Newcomer – doch dieses Album sollte ihn über Nacht zu einem der wichtigsten Gesichter des britischen Synthpop machen. Mit seinen clever arrangierten Songs, eingängigen Melodien und der markanten Stimme etablierte sich Kershaw als songwriterisches Ausnahmetalent und wurde zu einem festen Bestandteil der Soundtrack-Landschaft der 80er.
Human Racing verbindet technische Raffinesse, starke Hooks und emotionale Tiefe – eine Kombination, die dem Album bis heute Kultstatus verleiht.
Hintergrund und Entstehung: Vom Gitarristen zum Synthpop-Pionier
Nik Kershaw begann seine Karriere als Gitarrist und Sänger in kleineren Bands in der Grafschaft Essex. Sein musikalischer Horizont war breit: Rock, Jazz, Elektro – alles beeinflusste sein späteres Schaffen.
Erst Anfang der 80er entdeckte er die Möglichkeiten des Synthesizers als kreatives Werkzeug. Inspiriert von Künstlern wie Gary Numan, Ultravox und der frühen Electro-Pop-Welle, begann Kershaw, neue Songs mit elektronischer Basis zu komponieren.
Er unterschrieb schließlich bei MCA Records, und es dauerte nicht lange, bis Produzent Peter Collins auf ihn aufmerksam wurde. Collins erkannte sofort, dass Kershaw mehr war als ein typischer Popkünstler: Er schrieb komplexe Harmonien, rhythmisch interessante Songs und Texte, die sich vom üblichen 80er-Pathos abhoben.
Diese Mischung floss direkt in Human Racing ein – ein Debüt, das musikalisch reifer war, als man es von einem Newcomer erwartet hätte.
Der Durchbruch: „Wouldn’t It Be Good“
Der weltweit bekannte Hit des Albums ist „Wouldn’t It Be Good“ – ein Song, der 1984 sämtliche Charts eroberte und zu einem der meistgespielten Titel des Jahrzehnts wurde.
Das Stück besticht durch:
- eine markante, melancholische Melodie
- starke Synth-Bässe
- komplexe Akkordwechsel
- die unverwechselbare Gitarrenarbeit, trotz elektronischer Basis
- und einen Text, der den Wunsch beschreibt, dem eigenen Leben kurzzeitig entfliehen zu können
Das Musikvideo, in dem Kershaw einen außerirdischen Besucher mit leuchtendem Anzug spielt, wurde durch MTV zu einem visuellen Klassiker.
„Wouldn’t It Be Good“ machte Nik Kershaw international bekannt – und verschaffte Human Racing den nötigen Boost.
Weitere wichtige Songs des Albums
“I Won’t Let the Sun Go Down on Me”
Ein politischer Pop-Song, der nukleare Bedrohung und globale Unsicherheit thematisiert – verpackt in einen fröhlich klingenden Refrain. Die Mischung aus ernsten Themen und eingängigen Synthpop machte diesen Titel zu einem Chart-Erfolg, der später nach Veröffentlichung einer neuen Version erneut starke Platzierungen erreichte.
“Human Racing”
Der Titeltrack ist einer der lyrisch interessantesten Songs des Albums. Er behandelt das Thema Konkurrenzdruck im Leben – sei es im Beruf, im Alltag oder in Beziehungen. Melodisch eleganter Pop mit Jazz-Einflüssen und atmosphärischen Synth-Lines.
“Dancing Girls”
Ein tanzbarer, funkiger Track, der Kershaws Vielseitigkeit zeigt. Auffällig sind die komplexen Rhythmen und die markante Hookline. Besonders in Großbritannien erfreute sich dieser Song großer Beliebtheit.
“Bogart”
Ein ruhigerer, introspektiver Titel – melancholisch, melodisch und mit schönen harmonischen Wendungen. Ein Geheimtipp für Fans seines Songwritings.
“Drum Talk”
Ein rhythmusbasiertes Stück, das seinen musikalischen Wurzeln als Gitarrist und experimentierfreudiger Musiker gerecht wird. Elektronisch, treibend, ungewöhnlich.
Produktion und Klangbild: Synthpop mit Anspruch
Produzent Peter Collins verstand es, Kershaws musikalische Vision präzise umzusetzen. Das Album zeichnet sich durch:
- warme, organische Synthesizer-Sounds
- komplexe Basslinien
- ausgefeilte Arrangements
- die Kombination aus Elektronik und Gitarrenarbeit
- klare, dynamische Vocals
Im Vergleich zu vielen anderen Produktionen der frühen 80er wirkt Human Racing strukturierter, harmonischer und tiefgründiger. Die Produktion ist sauber, aber nicht steril – melodisch, aber nicht kitschig.
Kershaw war nie ein bloßer Synthpop-Star; er war ein Musiker, der Elektronik als Werkzeug nutzte, um anspruchsvolle Popkunst zu schaffen.
Der Erfolg: Ein starker Auftakt einer kurzen, aber intensiven Popära
Human Racing wurde ein großer kommerzieller Erfolg, besonders in Großbritannien, wo mehrere Singles hohe Chartpositionen erreichten.
Kershaw wurde zu einem festen Bestandteil des 80er-Pop – nicht zuletzt, weil er 1985 auch bei Live Aid auftrat, was seine internationale Bekanntheit weiter steigerte.
Das Album ebnete den Weg für sein zweites Werk, The Riddle (1984), das seinen Status als Hitlieferant festigte.
Warum Human Racing heute Kultstatus hat
Das Album gilt heute als Klassiker, weil es:
- musikalisch anspruchsvoll, aber zugänglich ist
- die Essenz des 80er-Synthpop einfangen
- Nik Kershaw als echten Songwriter zeigt
- innovative Produktionsentscheidungen enthält
- Hits liefert, die Jahrzehnte später noch funktionieren
Human Racing ist eines dieser Alben, das man immer wieder neu entdecken kann – sei es wegen seiner Melodien, seiner Texte oder seiner fein abgestimmten Synth-Sounds.
Fazit: Ein brillantes Debüt, das bis heute glänzt
Nik Kershaw legte mit Human Racing einen der stärksten Newcomer-Auftritte der 80er hin. Das Album kombiniert Pop-Intelligenz, technische Finesse und emotionale Tiefe zu einem Werk, das seiner Zeit voraus war – und trotzdem typisch für die Ära klingt, in der es entstand. Ein Album, das zeigt, wie vielseitig und kreativ die Popmusik der 80er war – und wie ein junger Songwriter mit Talent und Vision ein ganzes Jahrzehnt mitprägen konnte.
2 Trackbacks / Pingbacks