Als Visage 1980 ihr selbstbetiteltes Debütalbum Visage veröffentlichten, war der Sound der 80er gerade erst dabei, sich zu formieren. Doch dieses Album sollte den Weg maßgeblich mitbestimmen: Synthpop, New Wave, elektronische Experimente und ein unverwechselbares Mode- und Kunstverständnis vereinten sich zu einem Werk, das bis heute Kultstatus besitzt.
Mit Visage wurde nicht nur eine Band eingeführt – es wurde ein ästhetisches Konzept geboren, das als „New Romantic“ weltweit bekannt werden sollte.
Entstehungsgeschichte: Eine Band aus Londons Nachtleben
Visage entstand nicht wie klassische Bands, sondern als Kollektiv der Londoner Club-Avantgarde. Die zentralen Figuren waren:
- Steve Strange, Türsteher und Stil-Ikone des legendären Blitz Club
- Rusty Egan, DJ und New-Wave-Impulsgeber
- Mehrere Musiker, die später international erfolgreich wurden, darunter
Midge Ure und Billy Currie von Ultravox
Die Band formierte sich im Umfeld der britischen Clubkultur, die Ende der 70er an Bedeutung gewann. Punk war auf dem Rückzug, und eine neue Generation suchte nach Ausdrucksformen, die glamouröser, künstlerischer und bewusster stilisiert waren. Genau aus diesem kreativen Schmelztiegel entstand Visage.
Das Album wurde in London und Manchester aufgenommen – mit einer Mischung aus elektronischen Synthesizern, Drumcomputern und klassischen Instrumenten, aber immer mit dem Anspruch, etwas Neues zu schaffen.
Die Produktion: Elektronische Avantgarde der frühen 80er
Die Produktion von Visage war für 1980 bemerkenswert experimentell. Rusty Egan und Midge Ure formten einen futuristischen Sound, der starke Einflüsse aus:
- elektronischer Musik,
- deutscher Krautrock-Ästhetik (z. B. Kraftwerk),
- Italo Disco,
- Post-Punk,
kombinierte.
Die Synthesizer wurden nicht nur als harmonisches Instrument genutzt, sondern als Sounddesign-Element: pulsierende Basslinien, kalte Flächen, mechanische Rhythmen – ein Sound, der wie ein Vorgriff auf das gesamte Jahrzehnt wirkte.
Gleichzeitig hatte die Band ein starkes Auge für visuelle Ästhetik. Schon bevor MTV international bedeutend wurde, verknüpften Visage Mode, Make-up, Fotografie und Musik zu einem Gesamtpaket, das die Popkultur nachhaltig beeinflusste.
Der Durchbruch: „Fade to Grey“ – Ein Klassiker der 80er
Der größte und wichtigste Hit des Albums ist ohne Zweifel „Fade to Grey“ – eines der ikonischsten Lieder der 80er und einer der Wegbereiter für Synthpop im Mainstream.
Der Song war in vielen Punkten revolutionär:
- futuristische Synthesizer-Sequenzen
- hypnotische Melodie
- zweisprachiger Vortrag (Englisch und Französisch)
- ein hochästhetisches Musikvideo, das Steve Strange als Mode-Ikone etablierte
„Fade to Grey“ wurde weltweit ein großer Hit und ist bis heute ein zentrales Stück in jeder 80er-Playlist.
Der Song ist gewissermaßen die Hymne der New-Romantic-Bewegung – kühl, elegant, mysteriös.
Weitere bedeutende Tracks des Albums
“Visage”
Der Titeltrack verbindet dunkle Synthklänge mit einem treibenden Rhythmus. Der Song ist weniger eingängig als „Fade to Grey“, dafür stilistisch wegweisend – ein frühes Beispiel für elektronischen Club-Sound mit Pop-Appeal.
“Mind of a Toy”
Eine Mischung aus melancholischen Melodien und poppigem Synthsound. Der Song thematisiert emotionale Manipulation und Selbstwahrnehmung – typische New-Wave-Themen, verpackt in einen eingängigen Track.
“Blocks on Blocks”
Rhythmisch komplexer, experimenteller Titel, der aufzeigt, dass Visage musikalisch mehr wollte als nur Chart-Hits. Ein Mix aus Post-Punk-Energie und elektronischer Struktur.
“Tar”
Ein früher Song der Band, der schon vor dem Album in der Clubszene kursierte. Düster, langsam, atmosphärisch – ein Blick auf die künstlerische Ursprungsphase des Projekts.
“Moon Over Moscow”
Instrumental geprägt, fast soundtrackartig. Ein Stück, das internationale Einflüsse aufgreift und die kalte Ästhetik der frühen 80er perfekt einfängt.
Ästhetik, Mode und das Wesen der New-Romantic-Bewegung
Visage war nicht einfach ein Album – es war ein Kunstprojekt, das Mode, Make-up, Kostüme und ein bewusst androgynes Erscheinungsbild in den Mittelpunkt stellte.
Steve Strange wurde eine Stilikone:
- geschminktes Gesicht
- avantgardistische Outfits
- Performance-Kunst-Elemente
- dramatische Posen
Diese visuelle Sprache war ein entscheidender Faktor für den Erfolg von Visage – und inspirierte später Künstler wie Boy George, Annie Lennox, Duran Duran und sogar Bands der 90er- und 2000er-Elektroszene.
Rezeption und Nachwirkung
Bei seiner Veröffentlichung wurde Visage gemischt aufgenommen – einige Kritiker sahen darin „Mode-Musik“, andere lobten die Innovation. Aus heutiger Sicht gilt das Album jedoch als stilprägender Meilenstein, der:
- die New Romantics definierte,
- elektronischen Pop ins Mainstream-Bewusstsein brachte,
- und Musik wie Mode gleichermaßen beeinflusste.
Das Album markierte den Beginn einer kurzen, aber äußerst einflussreichen Phase der Band, die mit The Anvil und später Beat Boy fortgesetzt wurde.
Fazit: Ein futuristisches Debüt, das ein ganzes Jahrzehnt prägte
Visage ist eines der wichtigsten Synthpop-Alben der frühen 80er und ein Schlüsselwerk der New-Romantic-Kultur. Es verbindet innovative elektronische Musik, stilbewusste Präsentation und ein klares artistisches Konzept zu einem Album, das bis heute Modernität ausstrahlt.
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